Seit Snowden – Was hat sich geändert?

Weitersagen:Share on LinkedInTweet about this on TwitterShare on FacebookBuffer this pageShare on Google+

Am 5. Juni 2013 veröffentlichte die britische Zeitung The Guardian Dokumente der US-amerikanischen Regierung, die die permanente Überwachung der digitalen Kommunikation in aller Welt durch westliche Geheimdienste offenlegten. Der Whistleblower Edward Snowden hatte diese und weitere Dokumente dem Journalisten Glenn Greenwald gegeben. In den letzten 12 Monaten wurden weitere Dokumente veröffentlicht, die das Ausmaß der Überwachung zeigten. Zum ersten Jahrestag der Veröffentlichung der Dokumente haben wir verschiedene Menschen gefragt, was sich denn ihrer Meinung nach seit Snowden geändert hat.

Thomas Jarzombek, Mitglied des Deutschen Bundestages (CDU)

Thomas Jarzombek (Bild: Tobias Koch, CC BY-SA 3.0)

Es wurde zwar viel geredet und geschrieben, doch hat sich wirklich etwas geändert? Der Schlüssel zu mehr Selbstbestimmheit liegt am Ende in der Hand eines jeden einzelnen: nutze ich Dienste, die unsicher sind? Schreibe ich weiter eMails unverschlüsselt? Am Ende siegt dann auch hier, wie so oft, die Bequemlichkeit. Ich möchte, dass Verschlüsselung sehr viel einfacher wird: Verschlüsselung mit einem Klick. Mein Ziel ist es, dass Deutschland der Verschlüsselungsstandort Nr. 1 in der Welt wird.


Ela Kagel, SUPERMARKT Berlin

Seit Snowden habe ich verstanden, dass sich niemand mehr von uns als „unpolitisch“ sehen kann – wer es glaubt zu sein, der treibt schweigend eine Entwicklung mit voran, in der wir als Bürger*innen zunehmend bevormundet und entmündigt werden.


Ralph Günther, Geschäftsführer von exali.de

RalphGuenther

Klar haben mich die Enthüllungen der vergangenen Monate nochmal zusätzlich sensibilisiert. Auch beruflich sind deshalb die Themen Datenmissbrauch und Datensicherheit bei mir in den Fokus gerückt. Was persönliche Infos angeht, habe ich schon immer darauf geachtet, was ich wo, wie preisgebe – einfach aus dem Grund, weil ich z.B. meine Social Media Profile auch beruflich nutze. Und das nicht nur, weil vielleicht künftig der BND live mitliest, wie kürzlich die Süddeutsche schrieb.

Heute denke ich eher zweimal nach. Und nicht nur ich: Das Thema beschäftigt und verunsichert, das merke ich in meinem Umfeld. Dennoch fehlt es einfach an Wissen zu Hintergründen und Alternativen in der Praxis. Und ehrlich gesagt, nach dem anfänglichen Schock holt einen der berufliche Alltag sehr schnell wieder ein – und man macht einfach weiter.


Simone Jost-Westendorf, Redaktionsleiterin von politik-digital.de

SimoneJostWestendorf

Seit Snowden hat sich vor allem mein Bewusstsein geändert: darüber, theoretisch (und praktisch) jederzeit ausgespäht zu werden und eigentlich permanent unter Generalverdacht zu stehen. Doch fatalerweise scheine ich mich an den Gedanken gewöhnt zu haben und verdränge dieses Wissen meistens. Danke also, dass Ihr mich daran erinnert!

Seit Snowden habe ich aber auch gelernt, E-Mails zu verschlüsseln (auch wenn ich zugeben muss, dass ich das Wissen aus Gründen der Bequemlichkeit und Praktikabilität nur sehr selten anwende) und anonym zu surfen. Außerdem habe ich mich bei WhatsApp wieder abgemeldet. Allerdings war ich schon vor Snowden relativ sparsam mit der Preisgabe privater Daten. Was ich noch gelernt habe: dass die so genannte Freundschaft zu den USA unserer Bundesregierung wichtiger zu sein scheint als die Rechte ihrer Bürger, das war dann doch noch mal ziemlich ernüchternd.

Natürlich habe ich mir im vergangenen Jahr häufiger mal Gedanken darüber gemacht, warum ich doch viel weniger an meinem Verhalten geändert habe, als ich vermutlich sollte: wahrscheinlich aus Bequemlichkeit (s.o.), ganz sicher aus Mangel an wirklich brauchbaren Alternativen (Verschlüsselungsprogramme, Cloud-Dienste, Chat-Software…) und vor allem weil ich mich dagegen wehre, ständig die Schere im Kopf zu haben und überlegen zu müssen, wem gegenüber ich wie kommuniziere. Fremdzensur kann man umgehen, gegen Selbstzensur habe ich noch keine praktischen Tools gefunden.


Michael Seemann, Autor

MichaelSeemann

Das Jahr nach Snowden war vor allem eine große Desillusionierung. Der Staat und die ihn steuernde institutionalisierte Politik wurden als schlechte Inszenierungen hilfloser Zyniker entlarft. Ich hatte nie mit viel gerechnet, aber so brachial hätte ich mir den Offenbarungseid der Politik nicht vorgestellt.

Wir müssen heute erkennen: Bürger- und Freiheitsrechte waren nie das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Das ganze Gerede vom staatlichen Datenschutz kann im Nachhinein nur noch als Witz verstanden werden. Ich kann die Politik nicht mehr ernst nehmen und wenn doch, dann nur als Gefahr. Der BND sieht das alles als Machbarkeitsstudie und die Regierung will immer noch ihre Vorratsdatenspeicherung. Sie sind Adressat für alle, die jetzt mithilfe der Snowdenleaks ihre Interessen gegen das Internet durchsetzen wollen, aber in den Entscheidenden Fragen: Zähmung und Transparenz der Geheimdienste, Asyl für Edward Snowden, Aufklärung der NSA-GCHQ-BND-Aktivitäten – gibt es nur Totalausfall.

Ansonsten tut man, was man kann: Ich habe verschiedene verschlüsselte Kanäle eingerichtet und betrachte das in Zeiten wie diesen, als einen Akt der Gastfreundschaft. Auch wenn ich weiß, dass es nicht viel hilft. Wir können nur alle hoffen, dass die Geheimdienste ihre Macht nicht eines Tages im großen Maßstab ausnutzen.


Prof. Dr. Thomas F. Gordon, Fraunhofer FOKUS

Seit Snowdens Enthüllungen der geheimen und menschenrechtswidrigen Massenüberwachung durch die NSA und andere Geheimdienste ist mein Vertrauen in die Regierung meines Staates, die USA, erschüttert. Zusammen mit Erkenntnissen über Demokratiedefizite (Lessig, „Republic Lost“) und die Konzentration politischer Macht in der Hände der reichsten 0,1% der Bevölkerung, ensteht ein Bild, das mich befürchten lässt, die USA und der Rest des Westens könnten auf dem gefährlichen Weg sein, sich von unseren liberalen, freiheitlichen Grundwerten zu verabschieden – falls dies nicht bereits passiert ist. Ich für meinen Teil versuche, mich durch die Verwendung von Open Source Software, Verschlüsselungstechnologie, die Vermeidung Sozialer Netzwerke und anderer Cloud Dienste vor Überwachung zu schützen, was mir allerdings sehr schwer fällt. Und ich werde das Gefühl nicht los, dass man machtlos ist und sich vielleicht gar nicht schützen kann vor den außer Kontrolle geratenen Cyberarmeen von Überwachungsstaaten.


Teaser by Mike Herbst (CC BY-SA 2.0)
Bild Jarzombek by Tobias Koch (CC BY-SA 3.0)
Bild Günther by Privat
Bild Jost-Westendorf by Privat
Bild Seemann by Ralf Stockmann

Weitersagen:Share on LinkedInTweet about this on TwitterShare on FacebookBuffer this pageShare on Google+
Tobias Schwarz

Tobias Schwarz

Digital Public Affairs Fellow, Collaboratory e.V.

Das könnte dir auch gefallen...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.