Auf dem steinigen Weg zur Digitalen Region

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Ergebnisse der 11. Initiative des Colab zu #DigitaleRegion

Denn: Ohne Land ist kein Staat zu machen

Digitalisierung ist kein Stadt-Thema. Digitalisierung geht alle Menschen im Land an. Nur profitieren nicht alle gleichermaßen davon. Der ländliche Raum gilt weitestgehend als digital abgehängt. Bisher jedenfalls. Dabei hält die Digitalisierung insbesondere Chancen parat, der Landflucht vorzubeugen und den ländlichen Raum als attraktiven Lebens- und Arbeitsraum wieder zu beleben. Die 11. Initiative des Colab hatte genau das zum Ziel: die digitale Region zu entwickeln.

Wie aber wird man zu einer Digitalen Region – und noch zentraler, was ist das eigentlich?

Antworten auf diese Frage geben über 70 ehrenamtliche ExpertInnen, die hierzu in einem fächerübergreifenden Netzwerk Ideen und konkrete Handlungsempfehlungen entwickelt  haben. Die Ergebnisse liegen jetzt vor.

Im Zentrum aller stand das Ziel, die Zivilgesellschaft zu stärken und Kommunen zu einem nach wie vor zentralen Ort für Leben und Arbeiten zu erhalten. Kommunen zu einem Kommunikations-, Erlebnis- und Gestaltungsraum zu machen. In einem kontinuierlichen Dialog zwischen Zivilgesellschaft, Verwaltung, Wirtschaft, Datenenthusiasten und Partizipationsprofis entstanden Ansätze, die in drei Regionalworkshops auf ihre Praxistauglichkeit hin überprüft wurden: raus aus dem Elfenbeinturm auf die Straße. Als drei Modellregionen machten Wennigsen/Deister, der Region Augsburg, die die Stadt Augsburg, den Landkreis Augsburg und den Landkreis Aichach-Friedberg umfasst, sowie Südniedersachsen den Praxischeck. Vom Chatbot bis zum digitalen Dorfkümmerer und der Einrichtung von Coworking-Spaces auf dem Acker ist eine ganze Bandbreite an praxisnahen Handlungsmöglichkeiten entstanden.

In Gesprächen unter anderem mit Bürgern, Unternehmen und Verwaltungsverantwortlichen hat sich der große Bedarf an Wissenstransfer und Aufbau von Knowhow gezeigt, um vor- handene Ängste zu überwinden und um passende Ausgangspunkte für die eigene digitale Transformation zu finden.

Die Ergebnisse liegen in einer Summary vor ebenso wie in einem vertiefenden Hintergrundbericht. Beides ist als Download verfügbar:

Executive Summary (groß)

Executive Summary (klein)

Hintergrundbericht (klein)

Hintergrundbericht

Aber schon jetzt auf den schnellen Blick hier einige der Ergebnisse im Überblick.

Fünf Bausteine für die Digitale Region

Eine Digitale Region ist man nicht, aber man kann eine werden. Aber liegt diesem Konzept nicht ein fundamentaler Widerspruch zu Grunde, weil die Prinzipien von Digitalisierung und Vernetzung die Eigenschaft haben, Raum und Zeit zu überwinden? Kann Internet überhaupt regional sein? Und was soll in diesem Kontext “regional” bedeuten? Das scheinbare Paradoxon lässt sich nach zwei Seiten hin auflösen: Einerseits steht “hinter” der digitalen Welt eine durchaus raumgebundene Teilhabestruktur. Andererseits kann man bei den Regionen ansetzen und sieht Digitalisierung hier als Lösung für spezifische regionale Herausforderungen. Die Experten entwickeln fünf wesentliche Bausteine für eine digitale Region:

## Infrastruktur

Verbindender Baustein jeder regionalen Digitalstrategie ist insbesondere die intelligente Infrastruktur. Diese besteht aus dem schnellen Netzzugang über Glasfaseranschlüsse, W-LAN oder Mobilfunkverbindungen als aus sicheren Cloud-Infrastrukturen. Darüber hinaus sind es auch die traditionellen Infrastrukturbestandteile wie Straßen, Laternen oder Ampelanlagen, die mit Hilfe von Sensoren und der Nutzung eines intelligentes Netzes (Internet der Dinge) smart werden.

## Digitalisierung der Alltagserfahrungen

Bei den Anwendungen steht die Digitalisierung der Alltagserfahrungen im Mittelpunkt. Eine Agenda für die Digitale Region sollte Antworten auf nachhaltige und vernetzte Mobilität, dem digitalen Zugang und die digitalen Prozesse für Bildungs- oder Kultureinrichtungen oder auf die künftige Organisation von Gesundheitsdiensten und Pflegeleistungen geben. Daran hängen auch Fragen nach “Digital Literacy”, digitaler Zugang allein genügt nicht: Es bedarf der Kompetenzen, digitale Programme und Informationen zu nutzen.

## Wertschöpfung und Innovation

In den nächsten Jahren wird Digitalisierung und Vernetzung die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts entscheidend verändern.  Wie werden Arbeitsformen dabei genutzt? Welche Elemente umfasst eine Innovationsstrategie im Hinblick auf Organisation, Technologie, Prozesse und Einstellungen?

## Partizipation und Transparenz

Bürgerbeteiligung und Transparenz stehen als Forderungen auf der politischen Agenda. Sie richtet sich auf die Beteiligungen im Verwaltungs- als auch im politisch-parlamentarischen Prozess. Der Aspekt Transparenz wirkt in zweifacher Hinsicht. Es geht darum, Digitalität selbst transparent zu gestalten. Das betrifft den derzeitigen Stand der intelligenten Infrastruktur, den man in Echtzeit erfassen und steuern können will. Angesichts immer neuer digitaler Anwendungen (Apps, Online-Plattformen, IoT etc.) sollten Fragen des Datenschutzes, also der Transparenz der digitalen Angebote gegenüber dem User, nicht aus dem Fokus fallen. Transparenz bezieht sich auf politisch-administrative oder politisch-parlamentarische Vorgänge. Transparenz soll in diesem Fall durch das Mittel der Digitalisierung grundsätzlich ermöglicht werden.

## Digitale Verwaltung

Verwaltung ist nicht mehr nur Ordnungs- und Dienstleistungsverwaltung, sondern als Bürgerverwaltung ein Teil der digitalen Gesellschaft, in der Kunden zunehmend auch zu Produzenten werden. Diese wollen mit öffentlichen Verwaltungen auf Augenhöhe kommunizieren und interagieren.

i-Happen für mehr: Ergebnisse der Netzwerkschwerpunkte

Nicht jeder macht alles, das Netzwerk teilt alle Infos – aber gewerkelt wird an konkreten Baustellen. Hier ein Einblick in einige zentrale Ergebnisse der Schwerpunktthemen:

//  Arbeit und Wirtschaft

Als eine wesentliche Innovation wurden speziell auf den ländlichen Raum angepasste Coworking-Spaces identifiziert. Sie können viele positive Effekte erzielen. Sie:

a) bieten die Möglichkeit, näher bei der Familie zu arbeiten und damit die Vereinbarkeit von Leben und Arbeit zu verbessern.

b) helfen, Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten und Pendlerquoten zu reduzieren.

c) gehen mit dem Erblühen einer örtlichen StartUp- und Maker-Kultur einher.

d) sind eine Möglichkeit, Infrastrukturkosten kleiner Firmen auf dem Land abzusenken.

e) sind Gelegenheit, Gewerberäume mit Leben zu füllen und Leerstand zu vermeiden.

f) fördern bürgerliches Engagement und Ehrenamt.

g) bieten die Chance Einzelhändler, Restaurants und Nahversorgung zu erhalten.

//  Facing Fears

Ängste blockieren die digitale Weiterentwicklung und bremsen die Chancen aus. Welche Ängste sind das eigentlich und wie stark werden sie empfunden? Wir haben nachgefragt und zeigen, dass insbesondere Entscheider vor Ort diese Ängste adressieren und auflösen müssen:

  1. Zugriff auf personenbezogene Daten nicht ausreichend geklärt,
  2. Gläserner Bürger,
  3. Netzneutralität ist in Gefahr,
  4. fehlende Arbeitssicherheit in Folge der Digitalisierung,
  5. Zunehmende Überwachung als Bürger,
  6. Traditionelle Medien verlieren Kompetenz = Meinungsbildung ändert sich dadurch,
  7. Grenzenlose Arbeit und ständige Erreichbarkeit

// Politik und Verwaltung

Die Bürgerverwaltung ist ein Teil der digitalen Gesellschaft, und muss diese Rolle in Zukunft viel aktiver leben. Entwickeln Sie eine „Digitale Haltung“. Wir liefern Impulse. Sie entscheiden. Wie können digitale Lösungen ganz konkret helfen: Vielleicht um den ÖPNV im ländlichen Gebiet attraktiv und modern zu gestalten? Vielleicht um die Gemeinschaft zu stärken? Vielleicht um “Heimat” für junge Familien zu bleiben? Vielleicht um den älteren Menschen in Ihrer Kommune ein gutes und sicheres Zuhause zu bieten? Vielleicht um trotz des Fachkräftemangels serviceorientierte Verwaltungsleistungen anbieten zu können? Vielleicht um Menschen, Arbeit und Wirtschaft in Ihrer Region zu (er)halten? Oder vielleicht ganz einfach um die Daseinsvorsorge auch in Zukunft zu gewährleisten?

Die AG beschreibt keine Blaupause für alle, sondern empfiehlt eine Methode in vier Schritten:

  1. Beginnen Sie mutig, aber beginnen Sie, denn wegducken bedeutet nur, dass nichts passiert oder andere gestalten.
  2. Seien Sie neugierig und vernetzten sich, es gibt ausreichend Erkenntnisse, nur in der Praxis aber lernt man.
  3. Machen Sie Fehler und
  4. lernen Sie daraus.

// Mobilität und Logistik

Die entscheidenden Rahmenbedingungen für den Verkehr heute stammen aus Zeiten des Wachstums. Diese Rahmenbedingungen wurden entwickelt, als alles noch wuchs – die Zahl der Kinder, der Dörfer, der Häuser in den Dörfern, der Straßen und Autobahnen und der Autos. Sie sind geleitet von der Überzeugung, dass allein der Individualverkehr die Lösung für ländliche Mobilität ist. So haben wir heute im ländlichen Raum proportional zur Bevölkerung viel mehr Autoverkehr als in der Stadt. Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ist bisher keine Alternative. Seine rechtlichen Regelungen sind kompliziert und fragmentiert, sie verhindern mehr als zu fördern. Bedürfnisse und Möglichkeiten haben sich aber geändert: Es ist an der Zeit, flexible und bedarfsorientierte Lösungen im ländlichen Raum zu ermöglichen. Das erfordert ein radikales Umdenken bei den Rahmenbedingungen, von der verkehrstechnischen und kommunikationstechnischen Infrastruktur bis zu den rechtlichen Bestimmungen.

Die Konzepte müssen, gerade in Zeiten sich rasant entwickelnder Technologien, konsequent von den Bedürfnissen der Menschen her entwickelt werden. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in einer intelligenten Bereitstellung und Vernetzung der Daten, so dass diese für alle einfach und schnell verfügbar sind.

// Bildung

Die Initiative für mehr Digitalisierung in den Regionen muss primär von Einzelpersonen ausgehen, damit sich etwas bewegt. Das war die einhellige Meinung in der durchgeführten Umfrage. Dabei kann man auf technologieaffine Nerds, moderne Existenzgründer/innen, den Einzelhandel oder auch politische interessierte, zukunftsorientierte Initiativen zugehen und mit ihnen gemeinsam neue soziale Räume aufbauen. Es braucht nämlich neben den klassischen Bildungsinstitutionen neutrale, neue Begegnungsstätten, wo maximal heterogene Nutzergruppen zusammen kommen können, um sich wechselseitig zu unterstützen und neue Technologien und Ideen gemeinsam ausprobieren. Makerspaces, Coworking-Spaces, Medienzentren können hier sehr förderlich sein, aber auch gemeinsame virtuelle Räume in den sozialen Netzwerken oder eine konsequente Digitalisierung öffentlicher Strukturen sind ideale Rahmenbedingungen, um eine breitere Offenheit für die digitale Welt zu schaffen. Wenn dann noch vor Ort helfende, vertrauensvolle Scouts bereit stehen, die vermittelnd eingreifen und den Menschen bei Bedarf helfen, steht der digitalen Region nichts mehr im Wege. Diese vielfältig vernetzte Bildungscloud ermöglicht eine gelebte, moderne Weiterbildung, die transformativ neue Wege sucht und Zukunft gestaltet.

Aufbruch

Kommunen müssen Treiber einer Digitalen Region werden, die weitaus mehr ist als Breitband. Warum? Weil es darum geht, die Chancen der Digitalisierung für alle Menschen nutzbar zu machen, bevor kurative Notwendigkeiten dem Leben im ländlichen Raum jeglichen Spielraum nehmen. Wir stehen an einer Weggabelung: Nutzen Kommunen im nicht-urbanen Raum Zeit und Möglichkeiten, den digitalen Transformationsprozess zu gestalten, um als attraktive Lebensorte (wieder) aufzublühen? Oder sind sie in ein paar Jahren nur noch Anhängsel der Ballungsräume und stehen als gesamtgesellschaftliche Sorgenkinder vor der Abwicklung? Wir diskutieren darüber. Und beschreiten den steinigen Weg weiter.

Regionalworkshops als Praxis-Check

Die Ergebnisse aus den regionalen Workshops finden sich ebenfalls in der Summary und im Hintergrundbericht. Erste Erkenntnisse zeigen: Wennigsen denkt darüber nach, einen Chatbot für die Bürgerinnen und Bürger einzurichten, der sprachgesteuert durch Verwaltungsleistungen führt. Augsburg setzt an bestehenden Netzwerkstrukturen an, um lokale KMUs in die digitale Transformation mit einzubeziehen. In Südniedersachsen möchte man einige der im Workshop gesammelten, regionalen Mobilitätsinnovationen umsetzen.

Diese Kurznotizen sind als eine Einladung zum vertiefenden Lesen zu verstehen, wenn Sie sich auf den Weg machen, eine Digitale Region zu werden.

Redaktionsteam: Gerald Swarat, Lisa Kammerer, Dr. Anke Knopp, Resa Mohabbat Kar

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2 Antworten

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